Trampgeschichten und eine Menge Bilder

Ich warne euch direkt vor: dieser Eintrag ist ziemlich – um nicht zu sagen extrem lang. Er enthält alle Bilder und alle Geschichten, die ich noch loswerden wollte.
Dafür werden in den nächsten Wochen nur sehr spärlich neue Einträge kommen – vermutlich ohne Bilder, denn das Internet hier auf der Farm ist – tiefenentspannt. Ich veröffentliche heute aus Fethiye einfach alles auf einen Schlag, denn ich weiß nicht, wann ich das nächste Mal die Gelegenheit habe. Also lasst euch beim Lesen ruhig Zeit.

Ich habe keine konkreten Pläne, aber wahrscheinlich bleibe ich bis zum Jahresende hier. Die Olivenernte ist eigentlich eine ganz angenehme Arbeit, auch wenn das Sammeln vom Boden am Anfang ganz schön anstrengend ist. Zwischendurch hat mich das Ganze irgendwie an Ostereier suchen erinnert, und am ersten Abend hatte ich einen ordentlichen Muskelkater in den Oberschenkeln. Tja, ich bin eben doch ein Mädchen aus der Stadt.
Die Atmosphäre beim Sammeln ist aber lustig, Mustafa kann kein Englisch und Nils antwortet einfach immer entweder “Guten Morgen” oder “Guten Appetit”, wenn er was gefragt wird. Ich hingegen habe schon gelernt, wie man sagt “Ich mag keine Spinnen in meinem Gesicht” und generell, wie man so einigen Schwachsinn auf türkisch verzapft.
Außerdem mag ich das gute Essen hier. Wir kochen selbst, meist einfache Gemüsegerichte, dazu gibt es fast immer Brot, Schafskäse, Oliven, Salat, Joghurt, Honig, zwischendurch Granatäpfel und zu trinken natürlich Tee.
Gestern hat Mustafa die ganzen Oliven in eine Fabrik gefahren, wo Öl draus gemacht wird, von daher war die letzten zwei Tage nicht viel zu tun. Neben den Oliven und Truthähnen gibt es hier auch noch drei ziemlich große Kräuter- und Gemüsegärten, aber die Season dafür ist quasi vorbei. Gestern haben wir Melisse umgepflanzt und heute einen Korb grüne Oliven zum Einlegen vorbereitet, aber sonst ist es relativ entspannt. In den nächsten Tagen fangen wir dann wahrscheinlich an, die Oliven von den Bäumen zu pflücken.

Was das Trampen angeht, möchte ich euch heute sowohl von meiner besten, als auch von meiner bisher schlechtesten Erfahrung erzählen.

Zuerst die schöne Geschichte:

Wie ich ja schon angedeutet hatte, habe ich an der serbisch-bulgarischen Grenze Fahri getroffen, mit dem ich die kompletten nächsten zweieinhalb Tage bis nach Istanbul mitgefahren bin. Fahri ist einfach klasse. Verständigt haben wir uns nur über seine paar Brocken Englisch und meine paar Worte Türkisch – ich habe noch nie so viel und so schnell gelernt wie in diesen zwei Tagen – aber wir haben keine gemeinsame Sprache gebraucht, um uns gut zu verstehen.

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In Bulgarien wurden wir irgendwo von der Polizei angehalten und mussten unsere Ausweise sowie die ganzen LKW-Papiere vorzeigen. Es wurden ein paar Fragen gestellt, Fahri hat mich als seine Kollegin vorgestellt und schon zwei Minuten später durften wir weiterfahren. Als die Polizei weg war, hat Fahri sich bei mir bedankt, meinte, solche Kontrollen würden sonst eine halbe Stunde dauern und hat mir ein High-Five auf meinen deutschen Pass gegeben. Auch wenn man über die Hintergründe streiten kann, dieser Moment war einfach nur cool.

Abends hat Fahri mich zum Essen eingeladen, und darüber habe ich mich so gefreut, dass ich erstmal ein Foto machen musste:

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Gegen Mitternacht waren wir dann an der türkischen Grenze (also am Ende der Warteschlange auf bulgarischer Seite), aber ich war viel zu faul, um wieder zufuss an den LKW vorbeizulaufen und habe mich stattdessen auf dem Bett hinter den Sitzen schlafen gelegt. Als ich morgens wieder aufgewacht bin, musste ich feststellen, dass wir immer noch an der Grenze waren, jetzt kurz vorm türkischen Zoll. Da ich zum ersten Mal in der Türkei bin, musste ich irgendwoanders hin, um meinen Pass stempeln zu lassen, und Fahri hat den Ort mit mir gesucht und das geklärt.
Was ich auch nicht wusste, ist, dass es genau auf der Grenze sogar eine Art Einkaufszentrum und Restaurants und alles gibt. Aber es ergibt Sinn, denn nachdem man die Wartezeit bis zur Grenze selbst geschafft hat, muss man erst durch die Passkontrolle und dann durch den Zoll (auf beiden Seiten natürlich), und dann kann man locker nochmal ein bis drei Stunden warten, bis der Papierkram erledigt ist. In Istanbul haben sie auch ein paar Tage später in den Nachrichten darüber geredet, wie lang der Stau vor der Grenze ist. Da merkt man erstmal, wie gut man es in der EU eigentlich hat.
Jedenfalls hatten wir sogar genug Zeit, dass ich duschen gehen konnte, und danach haben wir noch in einem der Restaurants zu Mittag gegessen. Dass es kaum weibliche LKW-Fahrer gibt, hat man übrigens auch daran gemerkt, dass die Frauendusche als Abstellkammer benutzt wird…

Nach geschlagenen 14 Stunden Kontrollen und Warterei waren wir dann endlich in der Türkei! Und das Gefühl, als ich mir gedacht hab “Hey, ich bin grade tatsächlich in die Türkei getrampt!”, war schon irgendwie cool.
Ein paar Kilometer später haben wir wieder angehalten, dieses Mal, weil Fahri mir Edirne zeigen wollte, eine kleine Stadt in der Nähe der Grenze. Da kann man aber wohl nicht so gut mit dem LKW lang, also sind wir ausgestiegen und haben neben der Autobahn gewartet. Nach ein paar Minuten ist ein alter Kleinbus rechts rangefahren, und im ersten Moment dachte ich, dass er eine Panne hat. Bis ich gemerkt habe, dass das unser Bus nach Edirne ist. Die Fahrt war auch ganz lustig, der Minibus war ziemlich voll und ich habe nie verstanden, nach welchem System er irgendwo anhält oder auch nicht.
In Edirne haben wir uns eine Moschee angeschaut, waren auf dem Markt und haben mit zwei Kollegen von Fahri Kaffee getrunken, mit denen wir dann auch wieder zurückgefahren sind. Dass ich von dem wegfahrenden Bus auf dem Parkplatz noch schnell ein Foto gemacht habe, fanden die drei dann verständlicherweise sehr lustig.

In Istanbul waren wir nachts gegen ein Uhr, und der Blick über die Stadt im Dunkeln war wirklich sehr schön, auch wenn ich die Fahrt über die Bosphorusbrücke und den Ausblick locker verpennt hätte, hätte Fahri mich nicht extra geweckt. Den Rest der Nacht habe ich ebenfalls im LKW geschlafen, morgens haben wir zusammen gefrühstückt und danach war ich mit dabei, als Fahri seine Ladung am Ziel abgeladen hat. Später hat er mich zur Bushaltestelle gebracht, mir erklärt, wie ich ins Stadtzentrum komme (nämlich zuerst mit dem Bus und dann mit der Fähre) und mir das Versprechen abgenommen, mich zu melden, wenn ich ein Hostel gefunden habe.

Zwei Tage später haben wir uns nochmal in Istanbul getroffen, sind mit Nancy zusammen über den Grand Bazaar gegangen und danach hat Fahri uns zu Künefe (einer türkischen Süßspeise) und Tee eingeladen. Wir sind immernoch in Kontakt, er ist schon längst wieder zwischen Deutschland und der Türkei unterwegs und wenn auch ich in ein paar Monaten wieder zurück will, hat er mir angeboten, dass ich jederzeit bei ihm mitfahren kann, wenn ich will.

Am 29.10. war Nationalfeiertag, was vielleicht ein bisschen die vielen Flaggen überall in der Stadt erklärt hat, aber trotzdem fand ich es am Anfang schon extrem, wie einfach überall die türkische Fahne zu sehen ist. Und zu dem Dönerbild: Nein, so sieht es nicht an jeder Straßenecke aus. Hier wird viel mehr richtiger Kebab gegessen, so wie auf dem Bild weiter oben. Unseren ‘deutschen’ Döner im Brot habe ich viel seltener gesehen und das auch fast nur an den Touristenplätzen 😉

Auf dem Weg nach Fethiye habe ich mir drei Tage Zeit gelassen und jeweils in Eskişehir und in Antalya bei Couchsurfern übernachtet. Der Abend in Eskişehir mit Rezan und seinen Mitbewohnern war echt entspannt, wir haben Rakı gerunken und Arda hat auf der Saz gespielt, einem traditionellen Instrument, das so ähnlich aussieht wie eine Gitarre.

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Auf dem Weg nach Antalya bin ich bei Erhan mitgefahren. Wir hatten ein sehr interessantes Gespräch über Glauben und Religion; es hat super Spaß gemacht, sich mit ihm zu unterhalten und am Ende hat er mehrmals angeboten, mir das Busticket nach Antalya zu bezahlen. Als ich abgelehnt habe, ist er ohne zu zögern noch fast 100km in meine Richtung gefahren, nur um mich ein bisschen weiter zu bringen. Dann haben wir zusammen ein Foto gemacht, er hat mir seine Emailadresse und Telefonnummer gegeben und gesagt, dass ich mich jederzeit melden kann, wenn ich Hilfe brauche. Die SMS aus Antalya, dass ich gut angekommen bin, war natürlich auch Pflicht.

Da auch diese Geschichte dazugehört, kommt hier meine bisher schlechteste Erfahrung beim Trampen:
Der Fahrer, am Steuer eines kleineren LKW, hat mich offensichtlich nicht nur aus reiner Hilfsbereitschaft mitgenommen, denn sein Angebot mir gegenüber war nicht misszuverstehen. Er hat über meine schönen Augen geredet, wollte unbedingt Fotos mit mir machen und meinte, ich solle doch meine Jacke ausziehen. Obwohl ich mehrmals und sehr deutlich verneint habe, war es unmöglich, das Thema zu wechseln. Er war sehr hartnäckig, hat nichts von dem, was ich gesagt habe, ernstgenommen und mich immer weiter (ausschließlich verbal!) bedrängt. Irgendwann wurde die Situation ziemlich erbärmlich, sein Fragen glich mehr und mehr einem Betteln, und es war unmöglich, ihm ein NEIN verständlich zu machen. Angst hatte ich nicht, es hat mich eigentlich nur wütend gemacht, wie jemand so respektlos sein kann. Ich habe sehr klar gemacht, dass ich aussteigen will, aber seine Antwort war immer nur “Nein nein, wir fahren doch zusammen nach Antalya”. Nachdem er dann tatsächlich an zwei Tankstellen vorbeigefahren ist, obwohl ich an beiden verlangt hatte, dass er mich rauslassen soll, habe ich einfach während der Fahrt die Tür aufgemacht. Das hat ihn dann endlich dazu bewegt, auf dem Standstreifen anzuhalten und mich aussteigen zu lassen.
Froh, aus dem Auto raus zu sein, habe ich erstmal ein paar Minuten Pause gemacht und bin dann zu Fuß neben der Straße her gelaufen, bis nach kurzer Zeit ein weiterer LKW angehalten hat. Mit dem bin ich dann bis nach Antalya durchgefahren, voreingenommen vom Fahrer davor war ich aber wohl kein besonders entspannter Gesprächspartner.

Übernachtet habe ich bei Ahmet, der mir quasi den Abend gerettet hat. Erst waren wir in einem Restaurant essen, danach eine Weile am Strand (ja, ich bin am Mittelmeer angekommen!) und später habe ich seine Mutter kennengelernt, mit der er zusammen wohnt. Ahmet ist Pianist, hat viel in Clubs und Bars gespielt und ist anscheinend in der Gegend relativ bekannt. In jedem Lokal, jedem Supermarkt und selbst im Reisebüro kannte er die Besitzer, meinte überall “Das ist ein Freund von mir” und wurde (meine ich zumindest) auch ein bisschen bevorzugt behandelt.
Von der Stadt selbst habe ich nicht viel gesehen, meinem Eindruck nach besteht sie zu einem großen Teil aus Hotels, Souvenirläden, Restaurants usw., aber immerhin sind das Wetter und der Ausblick schöner als in Istanbul.
Am nächsten Morgen habe ich mit Ahmets Mutter zusammen gefrühstückt, mal wieder ein paar Wörter türkisch gelernt und mich mehr schlecht als recht mit ihr unterhalten. Danach hat sie mir (mit Hilfe von Ahmets Übersetzungen) aus meinem Kaffeesatz gelesen. Und zwar werde ich auf zwei verschiedene Universitäten gehen, mich in jemanden verlieben, der im August Geburtstag hat und länger als geplant in der Türkei bleiben. Wir werden ja sehen.

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Nachmittags bin ich dann mit dem Bus nach Fethiye gefahren. Es ist nicht so, dass ich nicht mehr trampen will, aber an dem Tag hatte ich echt keine Lust und konnte so außerdem noch entspannt den Vormittag in Antalya verbringen. Abends habe ich mich mit dem Couchsurfer Mustafa getroffen, bei dem ich zwei Tage geblieben bin. Er wohnt in einer WG, ich durfte im Zimmer seiner verreisten Mitbewohnerin übernachten und habe mein Bett nicht nur mit einer, sondern mit direkt zwei Katzen geteilt. Abends waren zwei Freunde von ihm da und die drei haben den ganzen Abend lang auf der PS3 gespielt. Ich habe zugeguckt, mit dem Hund gekuschelt und versucht, ein bisschen was von der Unterhaltung zu verstehen.
Donnerstag war ich in Ölüdeniz am Strand, natürlich sehr touristisch das Ganze, aber um die Jahreszeit ist da kaum noch was los. Ich hab die Ruhe genossen, mich zwischendurch mit ein paar ‘Einheimischen’ unterhalten, mich mit einem Straßenhund angefreundet und dann am Ende doch noch eine deutsche Familie getroffen, die mich sogar wieder mit zurück nach Fethiye mitgenommen hat. Auch da war ich natürlich am Strand, und zwar am nächsten Vormittag. Nachmittags habe ich mir noch ein bisschen die Innenstadt angeguckt und abends war ich mit Ali verabredet, der sowieso in der Stadt zu tun hatte und mit dem ich dann mit auf die Farm gefahren bin.

Das war’s für heute. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und bis zum nächsten Mal.

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