Heiratsangebote und Tee an der Grenze

(Der Hinweg Teil 2: Serbien – Bulgarien)

Eine Woche bin ich jetzt in Istanbul und ich muss sagen, es gefällt mir hier richtig gut.
Im Hostel habe ich Nancy aus Amerika getroffen, sie ist fünf Wochen durch Ägypten, Jordanien und Israel gereist und Istanbul ist jetzt ihre letzte Station, bevor sie zurück fliegt. Mit ihr habe ich die ersten Tage verbracht, wir sind viel zusammen rumgelaufen, waren zusammen essen und haben uns auch zusammen verirrt (“Is that the mosque we saw in the beginning?” – “I don’t know, they look all the same to me.” – “To me, too!”). Nach zwei Nächten bin ich aus dem Hostel ‘ausgezogen’ und bin seitdem bei Hüseyin und Hakan, die ich über Couchsurfing gefunden habe. Gestern habe ich mich nochmal mit Nancy getroffen, und zusammen mit Hüseyin haben wir eine Bootstour über den Bosphorus gemacht. Abends habe ich mich mit Hüseyin und ein paar seiner Freunde getroffen, heute morgen war ich mit Hakan und einem anderen Freund frühstücken und nachmittags waren wir nochmal mit ein paar Freunden spazieren (am ‘Strand’ entlang, sehr schön 🙂 ).

Der Verkehr ist – um mal das Auswärtige Amt zu zitieren – “sehr lebhaft und dicht”, was es ziemlich genau beschreibt. Neben U-Bahn, Straßenbahn und normalen Linienbussen gibt es noch so kleine Minibusse, die entgegen jeder Logik rumfahren und anhalten, und das meistens ziemlich abenteuerlich. Generell machen hier sowohl Autos als auch Fußgänger im Grunde, was sie wollen, und bilden damit so eine Art geordnetes Chaos. Mich da einzufinden hat ein bisschen gedauert, und dauert noch. Ich war schon mehrmals der einzige Idiot, der an der roten Ampel wartet, obwohl frei ist; oder der nicht einfach an den parkenden Autos vorbei auf der Straße läuft, wenn einem Autos entgegen kommen (da ist ja noch genug Platz). In solchen Momenten fühle ich mich so richtig deutsch.

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So, und jetzt die Fortsetzung von meinem Weg hierher:

Wie gesagt habe ich an der kroatisch-serbischen Grenze den LKW gewechselt, nachdem mein vorheriger Fahrer erzählt hat, dass er bald Pause machen muss. Im nächsten LKW saß Družko aus Bosnien, mit dem ich die restlichen sechs der insgesamt geschlagenen 9 Stunden Grenzkontrollen verbracht habe.
Družko war sehr lustig, wie auch mit den Fahrern vorher und nachher hatten wir keine gemeinsame Sprache, aber trotzdem konnten wir uns ganz gut verständigen. Irgendwann ist ein LKW mit den Autos zusammen an der Warteschlange vorbeigefahren, und als ich gefragt habe, was das soll, kam nur: “Mafia”. Daraufhin haben wir uns dann über die LKW-Fahrer in den verschiedenen Ländern unterhalten, und es war ein sehr lehrreiches, aber auch lustiges Gespräch. Ich habe erfahren, dass die Bulgaren alle “Mafia” sind, genau wie die Rumänen (“Rumania catastrophe!”), dass die Griechen und Türken ok sind und als ich nach den Albanern gefragt habe, hat er nur mit einem nachdrücklichen “Catastrophe!” die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.

Als wir hinter der Grenze endlich freie Fahrt hatten, war es schon nach Mitternacht und ich wirklich, wirklich müde. Mein eigentlicher Plan war, in Belgrad zu übernachten; aber der Gedanke daran, mitten in der Nacht auf der Suche nach einer Bleibe orientierungslos in einer fremden Stadt herumzulaufen, hat mir nicht besonders gefallen. Außerdem war auch Družko, genau wie der Fahrer davor, auf dem Weg nach Mazedonien, und konnte mich von daher noch ein ganzes Stück weiter Richtung Bulgarien mitnehmen. Um drei Uhr nachts waren wir dann irgendwo im Zentrum von Serbien auf einem riesigen Lkw-Parkplatz. Da es geregnet hatte, war der Boden extrem schlammig und die eh schon großen Schlaglöcher hatten sich in kleine Teiche verwandelt. Zu zelten war also nicht wirklich eine Option, zumal der Parkplatz bewacht, und, wie ich gesehen hatte, von Eseln und Straßenhunden bewohnt war. Also war ich ganz froh, als Družko mir angeboten hat, in dem zweiten Bett seiner LKW-Kabine zu übernachten.
Und für alle, die jetzt grade denken: “Da hast du ja noch mal Glück gehabt! Dir hätte wer weiß was passieren können in dieser Nacht!”, denen antworte ich, dass das mit Glück nichts zu tun gehabt hat. Hätte ich in dem Moment das Gefühl gehabt, dass ich mich auf mein Glück verlassen muss, wäre ich nicht im LKW geblieben. Aber die Hilfe von jemandem anzunehmen, mit dem ich mich stundenlang unterhalten habe und den ich einschätzen kann, erschien mir deutlich sicherer, als um drei Uhr nachts allein auf einem Parkplatz irgendwo im Nirgendwo im Freien zu schlafen.
Zugegebenermaßen habe ich mich ziemlich abenteuerlich gefühlt (wann schläft man schon mal mitten in Serbien in einem LKW?), aber ich hatte zu keiner Zeit Angst, und das auch zu Recht.
Es war warm, es war trocken, und die paar Stunden, die übrig waren, hatte ich einen sehr ruhigen Schlaf.

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Am nächsten Morgen wollte ich eigentlich die Fahrer direkt ansprechen; bevor ich jedoch dazu kommen konnte, wurde ich vom Wachpersonal entdeckt und ohne Umschweife vom Parkplatz geschmissen. Also habe ich mich an die Straße gestellt, und noch bevor ich mein Schild zuende malen konnte, stand neben mir ein türkischer LKW. Drinnen saß Aslan, der mich kurze Zeit später auf einem anderen Parkplatz zum Frühstück eingeladen hat (mit Schafskäse und Oliven). Außerdem hatte er sogar die Retro-Camping-Version eines Sandwichtoasters dabei und, was auf gar keinen Fall fehlen darf: Tee. Bei diesem Frühstück habe ich meine ersten drei von gefühlten 100 Gläsern Çay diese Woche getrunken.

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Aslan war schon irgendwie lustig, irgendwann hat er mir Fotos von seiner Familie gezeigt und mich dann gefragt, ob ich seinen Sohn heiraten will. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie ernst das gemeint war, aber immerhin weiß ich jetzt, was heiraten auf türkisch heißt. Juhu! Sachen gibt’s.

In Serbien ist mir aufgefallen, dass es auf der Landstraße Richtung Bulgarien unglaublich viele türkische Restaurants gibt. Kein Wunder, bei den Massen an LKW, die da täglich vorbeikommen. Die Strecke ist außerdem echt schön, wobei ich zwischendurch zum ersten Mal ein bisschen Angst hatte, als wir auf der schmalen, kurvigen Straße an den Abhängen langgefahren sind.

Aslan ist auch nach Istanbul gefahren, war aber kurz davor, seine zehnstündige Pause zu machen. Nachdem wir also geklärt hatten, dass ich die Zeit nicht auf ihn warte, sondern versuche, weiterzufahren, hat er im Restaurant neben dem Parkplatz, wo er Pause gemacht hat, für mich nach einer Mitfahrgelegenheit gefragt. Natürlich gab es dazu wieder Tee, und ich als rothaarige Tramperin war definitiv eine Exotin zwischen den ganzen türkischen LKW-Fahrern da. Danach bin ich dann mit Murat weitergefahren bis zur bulgarischen Grenze, die nurnoch 20km entfernt war.

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Da habe ich mir dann gedacht, ich spar mir die stundenlange Warterei und laufe einfach bis zur Grenze zufuss. Die Fahrer haben natürlich in der Zeit auch nichts zu tun und stehen in kleinen Grüppchen zusammen auf der Straße und unterhalten sich. Allein auf den zwei Kilometern entlang der wartenden LKW wurde ich 3x zum Tee eingeladen, habe zwei Telefonnummern bekommen und mich mit einer Menge Fahrern unterhalten. Wenn ich eins bestätigen kann, dann, dass die Türken unglaublich gastfreundlich sind. Auch da war ich natürlich wieder eine seltsame Erscheinung, aber mich mit den Fahrern zu unterhalten, hat wirklich Spaß gemacht.
Am Ende war ich dann aber ein bisschen zu ehrgeizig, was meine Suche anging, sodass ich mich plötzlich wenige Meter vor der Grenze wiederfand. Die dort wartenden Fahrer hatten Bedenken, mich mitzunehmen,  weil sie meinten, es gäbe Probleme mit zwei Personen im LKW. Ansonsten waren sie aber sehr hilfsbereit und meinten, ich sollte zu Fuß über die Grenze gehen und dann an der Tankstelle dahinter mein Glück versuchen. Dafür war ich dann aber irgendwie doch zu unsicher, und ich wusste auch garnicht genau, wo ich hätte langgehen müssen. Während ich noch am Überlegen war, meinte auf einmal ein LKW-Fahrer aus der zweiten Reihe, dass er mich mit über die Grenze nimmt. Nachdem ich ihm meinen Ausweis gezeigt und ihm versichert hatte, dass nichts Verbotenes in meinem Rucksack ist, war die Sache geklärt und ich saß in einem LKW mit direktem Ziel Istanbul. Die nächsten zweieinhalb Tage, die ich von da an bis nach Istanbul mit Fahri mitgefahren bin, waren so ziemlich der beste Teil meiner Reise, aber dazu beim nächsten Mal 😉

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1 thought on “Heiratsangebote und Tee an der Grenze

  1. Christina

    Ich finds klasse, dass du das so durchziehst und den Blog hier schön pflegst! Halt uns weiter auf den Laufenden und hab eine Menge Spaß!
    Ich lese übrigens immer sehr gespannt hier mit! 🙂

    Christina ♥

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